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Wolle,  Spinnen

Spinnen: Zeitreise mit Dornröschen

Ich besuche eine alte Dame in Vals. Sie ist bekannt dafür, dass sie einen besonders feinen Faden spinnen kann. Sie wundert sich ein bisschen, dass ich mich fürs Spinnen interessiere und extra deshalb zu ihr komme. Doch irgendwie scheint sie sich auch zu freuen. Und so holt sie ihr altes Spinnrad aus dem Keller. Es ist in einen Plastiksack verpackt. Darauf sehe ich die 80er Jahre-Variante des Logos eines großen Lebensmittelhändlers. In dem Sack liegen Spulen mit unverzwirnten gesponnenen Fäden. So, als wären sie nur schnell verräumt worden, um bei der nächsten Gelegenheit weiterverarbeitet zu werden.

Mir fällt das Märchen von Dornröschen ein. Sie hat sich beim Spinnen gestochen und ist in einen hundertjährigen Schlaf versunken. Und mit ihr der ganze Hofstaat: Die Hunde hörten auf zu bellen und das Feuer, das am Herd geflackert hatte, stand still. Bis nach 100 Jahren der Königsohn kam. In unserem Fall wecken wir nicht die Prinzessin mit einem Kuss auf, sondern die Spinnutensilien mit unseren Händen.

“Ich zeig dir, wie das geht”

Es ist ein besonderes Gefühl, diese Wolle aus dem alten Plastiksack durch die Finger laufen zu lassen. Sie ist fettig vom Lanolin der Schafe und durchsetzt von kleinteiligem Stroh, das die eigene Haut, die so etwas nicht gewohnt ist, sticht und reizt. Die alte Dame packt das Spinnrad und das ganze Zubehör aus: „Jetzt zeig ich dir gleich, wie das mit dem Zwirnen geht“. Nach kurzer Zeit und ein bisschen Herumprobieren hat sie das Spinnrad wieder am Laufen. Bald surrt es und das fertige Garn rollt ihr von der Hand. Der alte Fadenrest ist gleich verzwirnt. Die Spinnerin scheint das ein wenig zu bedauern: „Wenn ich jetzt eine Wolle da hätte, würde ich glatt wieder anfangen zu spinnen“.

Die Wolle wurde auf selbst gemachte Spulen gesponnen

Viele ältere Frauen am Land verstehen noch etwas vom Spinnen. Doch es gibt wenige, die es heute noch regelmäßig tun. Wenn ich frage, warum denn früher viel mehr gesponnen wurde, höre ich zweierlei: Entweder war strickfertige Wolle zu teuer oder schlichtweg nicht verfügbar. Gekaufte Wolle und Kleidung galten lange als Luxus. In die Stadt, in der es diese Dinge zu kaufen gab, musste man erst einmal kommen. Ohne Auto oder die Nähe zu einem Bahnhof war das nicht möglich.

Spinnen bis zum Abwinken

Spinnen war einst keine Frage des Wollens. Es war eine Frage des Müssens. In einer Welt, in der bereits der Weg ins nächste Dorf eine Tagesreise war, musste man mit dem auskommen, was vor Ort verfügbar war. Entsprechend unbeliebt war das Spinnen bei jenen, die dafür weder Talent noch Muße hatten. Alle mussten spinnen, um den Bedarf nach dem fertigen Faden zu decken – und zwar sprichwörtlich von der Magd bis zur Königstochter. Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass daher der Ausdruck “Du spinnst ja!” kommt. Mit der Verpflichtung zum Spinnen verschwanden in den verganenen Jahrzehnten die Spinnräder aus den Stuben. Jetzt, mindestens eine Generation später, ist das Spinnen nicht mehr lebensnotwendig. Und so manches Spinnrad wird wieder hervorgeholt.

In jedem Haus ein Spinnrad

Die Dame holt das alte Spinnrad aus dem Keller

Das Spinnrad ist für viele Menschen besonders am Land ein Symbol für eine Zeit, die die Großeltern und spätestens die Eltern hinter sich gelassen haben. Eine harte Zeit, in der man das Meiste, was man zum Leben brauchte, aus eigenen Rohstoffen und mit wenigen Hilfsmitteln selbst herstellen musste. Die Jungen haben noch gesehen, wie die Alten verschiedene Arbeitsschritte zur Kleidungsherstellung selbst erledigen mussten. Sie haben gesehen, wie mühsam das war und die Erleichterung gespürt, als fertige Kleidung und andere Gegenstände des täglichen Gebrauchs verfügbar und auch leistbar wurden.

Lieber selbstgemacht

Dort, wo die Produkte eines globalen Marktes am schnellsten und in allen erdenklichen Varianten jederzeit verfügbar sind, gilt das Alte, das Selbstgemachte wieder als kostbar. Für diesen Trend hat sich der Zungenbrecher DIY (do it yourself) etabliert. Dazu gehört auch eine neue Tradition des Spinnens vor allem in städtischen Regionen. Frau (man) lässt es sich von Freunden oder Großmüttern zeigen, besucht Workshops oder bringt sich die Grundlagen selbst bei. Beim Material gibt es hinsichtlich Qualität und Farben unglaublich viel mehr Möglichkeiten als noch zu Großmutters Zeiten. Die musste mit der meist ungefärbten Wolle der eigenen Schafe – oder der des Nachbarbauern – auskommen.

Meditatives Hobby

Auch die Motivation zum Spinnen ist heute eine andere. Es geht nicht mehr um die Produktion von Lebensnotwendigem. Spinnerinnen sagen oft, dass sie die Tätigkeit als meditativ empfinden. Gleichzeitig produzieren sie ihre eigene Wolle für Strickprojekte wie Schals, Halstücher oder Pullover. Diese Endprodukte sind oft aus feiner Merinowolle, die aus Neuseeland, Australien oder Südamerika kommt (hoffentlich mulesingfrei!), und nicht aus dem allernächsten Umfeld. Diese neuen Werkstücke sind selten vergleichbar mit den Gebrauchskleidungsstücken der Bäuerinnen und Mägde von früher aus der ungefärbten groben Schafwolle.

(Über)leben im regionalen Mikrokosmos

Das ist heute schwer vorstellbar: dass frau(man) sich nicht nur das eigene Essen, sondern eben auch Kleidung in dem regionalen Mikrokosmos einer nicht globalisierten Welt selbst herstellen muss. So fanden auch bei der Wollverarbeitung bestimmte Arbeitsschritte in jedem Haushalt statt. „Ein Spinnrad steht noch in jedem Haus“, erzählt mir die Dame aus Vals.

Zum Spinnen war wohl die Schafwolle in vielen Regionen der wichtigste Rohstoff. Sie wurde in jedem Haushalt zunächst vorbereitet, also gewaschen und kardiert. Dann erst wurde das gekämmte Wollvlies versponnen – eine klassische Winterarbeit. Die gesponnenen Fäden wurden schließlich dann noch zu einem Garn verzwirnt.

Wolle versticken, Flachs weben

Etliche Arbeitsschritte waren also notwendig, bevor mit dem Stricken begonnen wurde. Noch viel aufwendiger war die Herstellung von Garn aus Flachs. Dieses Leinengarn wurde üblicherweise nicht im Haus verstrickt, sondern von professionellen Webern zu Stoff verarbeitet. In großen Bauernhäusern waren dies oft fahrende Weber, die einige Zeit im Haus arbeiteten und dort auch Kost und Logis erhielten.

Dieser Stoff wurde dann zugeschnitten und zu Wäsche und Kleidung vernäht. Die jüngere Generation war dann also in den beginnenden 50er Jahren und je nach Region oder „Fortschrittlichkeit“ der Familie spätestens ab den 70er Jahren froh, wenn es fertige Kleidung erschwinglich zu kaufen gab. Wenige Frauen und sehr vereinzelt auch Männer blieben dem Spinnen treu, um meist Mitglieder der eigenen Familie mit handgestrickten Socken, Handschuhen und Westen zu versorgen.

Persönliche Note statt Massenware

So sieht man gleich, welche Socken zusammengehören: ein blauer Streifen am Schaft

Für ihre Socken haben jene Frauen, die das Stricken seit Jahrzehnten praktizieren, gerne eine persönliche Note entwickelt. Diese ist meist weniger ästhetischen Überlegungen als vielmehr der Zweckmäßigkeit geschuldet. Die eine hat eine eigene Technik der Maschenabnahmen entwickelt, damit die zusammengestrickten Maschen im Schuh nicht drücken. Die andere arbeitet farbige Streifen ein, damit sich die Socken nach dem Waschen wieder leichter als Paar identifiziert lassen. Letzteres macht zum Beispiel die Dame aus Vals. Ich würde gerne wissen, ob sie ihr Spinnrad nach meinem Besuch wieder verräumt hat. Ich stelle mir lieber vor, dass sie sich tatsächlich Wolle zum Spinnen besorgt hat.

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