Wald Holz Mond
Holz,  Landwirtschaft

Wald, Holz und Mond: das 150 Jahre alte Dach am Ende des Tals

Wie hängen Wald, Holz und Mond zusammen? Dieser Sonderling lässt uns tief eintauchen in die geheimnisvollen Verbindungen zwischen Natur und traditioneller Handwerksskunst.

Wer sich auf die Suche nach altem Handwerkswissen begibt, trifft auf verschiedene Menschen. Auf Gesprächige und Leutselige, die offen und berechtigterweise mit Stolz über ihre Fähigkeiten sprechen. Auf Bodenständige oder Bescheidene (Kleingehaltene?), die verblüfft sind über die Aufmerksamkeit, die etwas – in ihren Augen – Selbstverständlichem plötzlich widerfährt. Aber auch auf Menschen, die auf den ersten Blick verschroben oder abweisend und im Extremfall wie aus der Welt gefallen wirken.

Auf so einen Mann bin ich auf der Suche nach einem Könner in der Holzverarbeitung gestoßen. Rundum ist er mir als Meister seines Fachs genannt worden, allerdings auch als schwer zugänglich und scheu Fremden gegenüber.

Holz Mond Wald

„Der Boden ist durch die Wurzeln vernetzt“

Seinen Wunsch, namentlich nicht genannt zu werden, muss ich respektieren. Die, die ihn kennen, wissen, von wem die Rede ist. Er lebt mit seiner Frau am letzten Hof kurz vor dem Talschluss eines Seitentals in den Stubaier Alpen. Die erwachsenen Kinder sind längst weggezogen.

Er spricht langsam und leise. Wenn er redet, hört man ihm das Denken an. Er fragt sich, wie es mit den Bauern weitergehen soll und mit den Almen. Das Wort Klimawandel fließt ganz selbstverständlich in sein Reden ein und wirkt doch unpassend zeitgemäß aus seinem Mund. Er zeigt auf Hänge, wo ein Windwurf die Bäume wie Zündhölzer umgeknickt hat: „Früher ist alles gemäht worden, heute macht das niemand mehr. Dadurch wird der Boden morscher, weicher. Alles wird mitgeschwemmt.“, und redet weiter: „Die Almen brauchen die Schafe, die Ziegen, die Rinder. Wo sollen die Almen bleiben, wenn immer weniger Bauern bleiben?“

Er ist ein aufmerksamer und genauer Beobachter: „Der Boden ist durch die Wurzeln vernetzt. Dieses Netz muss lebend bleiben, sonst fault es ab. Dann gibt es Vermurungen.“ Er sagt nichts zu Themen, wo er sich nicht sicher ist. Für die Erkenntnisgewinnung hat er seine eigenen Methoden. In dieser Hinsicht ist er ganz Naturwissenschafter: „Es ist alles viel Beobachtung. Früher habe ich es auch nicht gewusst.“ Wer von ihm etwas erfahren will, stellt besser keine Fragen, sondern lässt ihn reden.

Alles zu seiner Zeit

Gekommen bin ich zu ihm, um etwas über die Bauweise von bestimmten Dachschindeln und Zäunen zu erfahren. Denn er ist ein begnadeter Handwerker und übers Tal hinaus bekannt. Er hat Gartenhäuser gebaut und Kapellendächer gedeckt. Immer ist es solides, optisch ansprechendes Handwerk nach alter Tradition und mit seiner persönlichen Note. Doch darüber erfahre ich nichts. Dafür umso mehr über die Gewinnung des Rohstoffs, wie und wann man das Holz für verschiedenste Projekte schlägt.

Darum dreht sich alles in unserem Gespräch, denn „es ist ein Unterschied, ob ein Holzdach 15 Jahre hält oder 150. Heute machst du die Schindeln mit dem Holzspalter, früher war das eine Winterarbeit. Früher haben die Bauern zusammengeholfen und vielleicht zu siebt ein Dach gedeckt. Ohne einander  zu helfen, wäre das nicht gegangen. Nach 45 Jahren haben sie die Schindeln dann umgedreht und das Moos weggeputzt. Alles ist wie neu und hält noch einmal 40 Jahre. Dann kannst du die Schindeln noch zweimal umdrehen und abschleifen. Und dann kannst du einzelne Schindeln austauschen und die verbrauchten verheizen. Heute musst du damit zum Sondermüll fahren. 150 Jahre hält dir heute kein Dach mehr.“

Zum richtigen Zeichen schneiden

Die ältesten Schindeln des Schuppens sind aus dem Jahr 1720

Neben seinem Bauernhaus steht ein alter Schuppen. Den hat er vor ein paar Jahren neu gedeckt. Dabei ist eine alte Schindel zum Vorschein gekommen. Sie trägt eine alte Originalinschrift: „1720“. Ich bin beeindruckt. Wie das geht? „Man muss beim richtigen Zeichen schneiden“. Gehört habe ich das ja schon oft, aber es ehrlich gesagt nie so wirklich ernst genommen.

Er erklärt: „In dem Mond ist eine gewaltige Bewegung drin. Aber man weiß zu wenig“. Für alles gibt es Zeichen. An drei bestimmten Tagen im Jahr muss man das Holz schlagen, damit die Schindeln lange halten. An einem anderen Tag verdreht sich das Bauholz nicht. Und noch ein Zeichen gibt es, zu dem das Holz nicht brennen kann. „Ich habe es ausprobiert, es ist einwandfrei.“

Ein ganzes Holzhaus auf diese Weise feuersicher zu bauen, wäre schwierig und wenig praktikabel: „Du müsstest alles an einem Tag schlagen!“ Welches Holz, welche Baumarten er verwendet? „Die Alten haben gesagt: man muss die Fichte von oben [vom Berg] und die Lärche von unten hernehmen. Mit der Fichte kannst du auch alles machen, aber du hast halt keine die Garantie, dass es so lange hält wie mit der Lärche.“

„Ich werde viel ausgelacht, aber mir ist das gleich.“

Man stelle sich heute ein modernes Schlägerungsunternehmen vor, das nur an wenigen Tagen im Jahr ein bisschen Holz für bestimmte Zwecke schlägt! Dass er mit seiner Art zu denken und zu arbeiten, nicht dem Mainstream entspricht und er immer wieder aneckt, ist ihm klar: „Ich werde viel ausgelacht, aber mir ist das gleich.“ Trotzdem (oder deshalb?) genießt er Achtung im Tal und darüber hinaus.

Er gilt als eigensinnig, aber man weiß inzwischen, dass das, was er angreift, funktioniert. Bei ihm geht nichts ohne genaue Beobachtungen von den Wechselwirkungen in der Natur. Der Mond spielt für ihn eine besondere Rolle. Und da ist er stur. So ist er zum Beispiel in seiner Gemeinde zuständig für das jährliche Anlegen der Langlaufloipe, die durch seine Futterflächen und die von benachbarten Bauern verläuft. Diesen Job wäre er beinahe los geworden, als er darauf bestand, damit auf das richtige Zeichen zu warten.

Am Ende hat er sich durchgesetzt und die erfolgreiche Heuernte im kommenden Sommer gab ihm recht. „Du musst die Loipe zur richtigen Zeit machen, nur dann wächst alles im Frühjahr wieder in die Höhe. Wenn nicht, fault dir das Gras unter dem Schnee zusammen.“

Wer tritt das Erbe an?

Mit seiner Art, Zusammenhänge wie diese genau zu beobachten, trägt er altes Wissen ins Heute und wendet es ganz aktuell an. Gelernt hat er bei einem längst verstorbenen Nachbarbauern, einem Kriegsinvaliden. Er spricht mit großer Achtung vor dem Alten, der ihn einst unter seine Fittiche nahm und der so viel wusste. Heute verfügt er selbst über einen großen Wissensschatz.

Wird sein wertvolles Wissen erhalten bleiben? Gibt er es an seine Kinder oder benachbarte Bauernkinder weiter? Oder wird es eines Tages mit ins Grab nehmen? Diese Fragen kreisen in meinem Kopf, als ich aus dem Seitental heraus wieder ins Haupttal fahre.

Mit jedem Kilometer wird das Leben außerhalb meines Autos schneller und geschäftiger. Mir fällt auf, dass ich selbst immer mehr aufs Gas trete. Es kommt mir vor wie eine Zeitreise. Im nächsten größeren Ort schalte ich schließlich das Radio ein. Es katapultiert mich mit einem Schlag wieder zurück in die Gegenwart und befreit mich von meinen Grübeleien.

Noch zwei Tipps zum Schluss

Wer seine Holzernte nach dem Mond ausrichten möchte, kann sich zum Beispiel nach dem forstwirtschaftlichen Mondkalender richten.

Für Gemüse und Garten gilt nach wie vor der Kalender von Maria Thun zu den Aussaattagen als unschlagbar.

Nachricht hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Cookie Consent Banner von Real Cookie Banner