Ableger vermehren
Anleitungen,  Garten und Pflanzen

Das 7. Gebot und was es mit den Ablegern von Pflanzen zu tun hat

„Die gestohlenen tun am besten“. Diese Weisheit habe ich von einer alten und ansonsten grundanständigen Nachbarin. Sie meint damit Ableger von Pflanzen, die man vermehren möchte. Leider stimmt ihre Theorie.

Pflanzen, die vegetativ vermehrbar sind, können aus einem Steckling bzw. Ableger Wurzeln bilden. Daraus entsteht dann eine eigenständige Pflanze. Ich liebe diese Art der Vermehrung. Man kommt damit schnell zum Erfolg und hat mit ein bisschen Glück und der richtigen Pflege bald Freude mit einer selbst gezogenen Pflanze.

Der Unterschied zur Vermehrung aus einem Samen liegt nicht nur in der wesentlich kürzeren Zeit, die vergeht, bis sich eine anständige Pflanze entwickelt hat. Es ist auch eine identische Tochter der Mutter und es gibt keine Überraschungen zum Beispiel in der Blühfarbe, die entstehen können, wenn unter Umständen die Genpools von zwei Elternpflanzen aufeinandertreffen.

Die Vermehrung durch Ableger gelingt nicht mit allen Pflanzen. Am liebsten sind mir Ableger von sukkulenten Pflanzen mit fleischigen Blättern, Geranien oder Kakteen. Heuer habe ich auch noch besondere Buntnesseln entdeckt. Eine genaue Schritt für Schritt-Anleitung zur Vermehrung mit Ablegern folgt unten.

Aufnahmestopp!

Nachdem dieses Hobby eines ist, das relativ viel Platz in Anspruch nehmen kann, und das besonders im Laufe der Jahre, habe ich mir zur Selbstbeschränkung ein paar Regeln auferlegt: Ich darf keine Topfpflanzen in der Gärtnerei, im Bau- oder Supermarkt kaufen (außer zur Rettung besonders bemitleidenswerter Kreaturen, die nicht einmal der Schleuderpreis vor der Mülltonne rettet). Ich darf nur Ableger von Besonderem und Raritäten nehmen (liegt im Auge der Betrachterin). Und ich darf nur im Urlaub und auf Reisen sammeln (sagen wir außerhalb meiner Heimatstadt Innsbruck).

Pflanzendiebin, dich kenne ich nicht!

Das führt dazu, dass Menschen, die mit mir verreisen, garantiert in Situationen kommen, wo sie sich ernsthaft fragen, ob die Wahl der Reisepartnerin eine gute war. Ich kann es ihnen ansehen, dass es ihnen peinlich ist. Manchmal so sehr, dass sie so tun, als würden sie mich nicht kennen. Und das kommt so: Wenn ich eine interessante Pflanze sehe, drücke ich mich um sie herum und suche möglichst unauffällig nach einem guten Ableger. Ich warte, bis ich mich unbeobachtet fühle und dann schlage ich zu. Ich reiße Pflanzenteile ab und stopfe die Beute in meine Tasche. Natürlich vorsichtig und so, dass ich weder die Mutterpflanze noch den Ableger schädige. Inzwischen bin ich darin ziemlich geübt. Ich bilde mir ein, dass ich das flink und unauffällig erledige, absolut professionell. Die meisten aller Reisebegleitungen nervt das. Sie müssen warten, herumstehen, mir Deckung geben, werden ungewollt zu Zeugen oder Komplizen gemacht und finden das alles ziemlich unangenehm.

Ableger 11
Blühende Überraschung im Winterquartier

Easy to grow

Leider geht es nicht anders: Wenn ich gute Ergebnisse will, muss ich die Ableger stehlen. Wenn ich ordentlich frage, stimmt irgendetwas mit der Vermehrungsenergie nicht. Zum Beispiel vor drei Jahren auf Kreta. In einer Taverne saß ich unter einem prächtigen Sägezahnkaktus. So einen hatte ich schon lange im Auge und war bereits bei zwei Vermehrungsversuchen gescheitert. Die Wirtin dieser Taverne hat meinen schwärmerischen Blick richtig interpretiert und erzählte mir ungefragt alles, was sie über die Pflanze an sich und dieses spezielle Exemplar in ihrem Gastgarten wusste. Sie war eine echte Seelenverwandte. Sie meinte, der Kaktus sei wirklich „easy to grow“. Ich habe das noch genau so im Ohr. Er wuchere bei ihr wie das Unkraut (ich weiß, Unkraut gibt es nicht, ich sage das nur wegen dem Bild).

Heimweh nach dem Meer

Die Gäste am Nebentisch hatten noch nicht bestellt, die Wirtin hat sie warten lassen. Sie ist in die Küche gegangen und mit einem Messer wiedergekommen, um mir drei schöne, fette Äste abzuschneiden. Die hat sie für mich in Küchenrolle gewickelt. Während der Heimreise habe ich sie gehütet wie meinen Augapfel. Nach den Anweisungen der griechischen Wirtin habe ich sie daheim in einen Topf mit Spezialerde gesteckt. Ich gieße sie mäßig mit kalkfreiem Regenwasser. Aber irgendwie hängen die farblosen Äste unmotiviert herum und vermutlich noch an ihrer ursprünglichen Besitzerin. Vielleicht haben sie auch Heimweh oder sie brauchen salzige Meeresluft — ich weiß es wirklich nicht. Ich habe die Pflanze noch, aber nur, weil ich nichts wegwerfen kann, das noch irgendwie ein Lebenszeichen von sich gibt. Sie hat heuer sogar ein bisschen Frost abbekommen, weil ich sie an einem ziemlich stiefmütterlichen Platz in den Garten gestellt und natürlich dort vergessen habe. Aber sie sieht jetzt im November im Wohnzimmer auch nicht anders aus als im August im Garten.

Ableger Winterquartier
Im Winterquartier

Du sollst nicht stehlen!

Den nächsten richtig schönen Sägeblattkaktus habe ich heuer bei einer Veranstaltung in einem Klostergarten in Hall entdeckt. Und da habe ich dann zugeschlagen. Ich bin im Garten herumspaziert, immer in der Nähe vom Kaktus. Ich habe ihn umkreist, nicht aus den Augen gelassen und gewartet, bis die letzte Schwester verschwunden ist. Sie war für den Garten zuständig und ganz sicher hätte sie mir einen Ableger gegeben, wenn ich gefragt hätte. Aber das war keine Option. Als die Garten-Schwester weg war, habe ich mich an den Topf gemacht. Es war ziemlich schwierig und ich habe mich darüber geärgert, dass ich mein Taschenmesser nicht dabei hatte. Die Äste waren bereits verholzt und der Kaktus hatte kleine, fast unsichtbare Dornen. Bei der ganzen Prozedur hatte ich wirklich Angst, von einer Schwester ertappt zu werden. Das wäre mir sehr peinlich gewesen. Am Ende ging alles gut — vielleicht hat die Garten-Schwester absichtlich nicht so genau hingeschaut — und ich stopfte drei schöne Ableger in meine Tasche. Ich nehme immer drei. Man muss ja nicht alles auf eine Karte setzen.

Zurück in der Legalität und voller Hoffnung

Diesmal habe ich alles richtig gemacht: der Ableger ist nicht großzügig verschenkt, sondern hinterrücks geklaut, und das ausgerechnet in einem Klostergarten. Mit allem, was dann folgte, bewegte ich mich wieder auf dem festen Boden der Moral. Die Ableger habe ich daheim in eine Tasse mit fingerbreit Wasser gestellt, das manchmal austrocknet und das ich dann wieder nachgieße. Nach gut zwei Monaten haben sich schon recht schöne Wurzeln entwickelt. Ein bisschen warte ich mit dem Einsetzen noch zu.

Ableger Sägeblattkaktus
Mein Haller Sägeblattkaktus nach gut zwei Monaten

Welche Pflanzen kann man mit Ablegern bekommen?

Diese Vermehrungsart gelingt nicht mit allen Pflanzen. Bestens geeignet sind Buntnesseln, Philodendron bzw. Monstera, Grünlilien und sukkulente Pflanzen wie Aloe vera, Geldbaum oder Fetthenne.

ANLEITUNG Pflanzen durch Stecklinge vermehren: So geht es

  1. Einen geeigneten Ableger bei der Mutterplanze auswählen. Das ist eine Stelle, wo es eine Verzweigung gibt, oder Knospen wachsen. Vorsichtig abbrechen. Manchmal gibt es hier eine Art Sollbruchstelle, wo das gut gelingt, ansonsten mit einem Messer oder einer Schere abtrennen. Manche Pflanzen produzieren auch gerne Kindel, also Babypflanzen. Die kann man meist gegen geringen Widerstand wegziehen oder sie haben sich schon ganz abgelöst und liegen lose in der Erde oder neben dem Topf.

2. Die untersten Blätter entfernen und in ein Glas mit Wasser stellen.

3. Warten, warten, warten. Die Bildung von Wurzeln kann Tage, Wochen oder Monate dauern. Eine Begonie kann nach zwei Wochen schon pflanzfertig sein. Eine Monstera hatte ich einmal über ein Jahr in einer Vase stehen, bis sie schöne Wurzeln hatte.

4. Das Wasser nicht auswechseln. Bei Bedarf nachgießen.

5. Zwischendurch kontrollieren, ob abgefallene Blätter ins Glas gefallen sind und diese entfernen.

6. Wenn sich gut Wurzeln gebildet haben, kann man die Pflanze einsetzen.

7. Die Art der Erde hängt von der Art der Pflanze ab. Am besten in der Gärtnerei nachfragen.

8. Mit dem Finger ein Loch für jeden Steckling in die Erde bohren und vorsichtig in einen Topf setzen. Das Wichtigste ist, dass der Topf unten ein Loch hat und überschüssiges Wasser abrinnen kann. Ich selbst mag Töpfe aus Ton am liebsten. Dieses Material speichert Flüssigkeit, die gleichzeitig auch verdunsten kann, wenn sie im Überfluss vorhanden ist. Beim Setzen aufpassen, dass die Wurzeln nicht verletzt werden und am Ende die Erde leicht festdrücken. Bis knapp unter den Topfrand Erde nachfüllen.

9. Ordentlich angießen, damit die Wurzeln ihren Platz finden und anwachsen können, damit sich die Pflanze sobald wie möglich stabilisert und gut mit der Erde verwächst.

10. Die weitere Pflege erfolgt dann je nach Pflanzenart. Grundsätzlich: weniger Gießen ist außer bei Sumpfpflanzen fast immer mehr. Die meisten Pflanzen mögen im Sommer nach draußen. Ob sie pralle Sonne mögen oder lieber ein schattiges Plätzchen, muss man dann mit etwas Fingespritzengefühl herausfinden. Radikale Veränderungen des Standorts sind nicht gut. Lieber langsam und stundenweise an einen neuen Platz gewöhnen.

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