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Handwerk,  Natur

Alte Holzzäune: Ein Bergbauer erzählt, wie er Schrägzäune renoviert und neue baut

Lärchen- und Fichtenholz. Mehr braucht es nicht für einen Wipptaler Schrägzaun. Es gibt keine Schraube, keinen Draht und keine Schur. Trotzdem ist so ein Schrägzaun unglaublich stabil. Er trotzt Wind und Wetter und hält für die Ewigkeit — wenn er gut gepflegt und gewartet wird. Ein Bergbauer hat die traditionellen Kunst des Schrägzaun-Bauens und Renovierens von seinem Vater gelernt. Er erzählt, worauf es dabei ankommt.

Von der Autobahn aus nehme ich die Ausfahrt, die ich sonst nur vom Skitourengehen kenne. An der ersten Kreuzung fahre ich nicht auf der schmalen Hauptstraße weiter, sondern biege scharf rechts ab. Hier war ich noch nie. Es geht in Kehren steil aufwärts auf dem Weg, der mich zu Paul führt. Dort lebt er mit seiner Familie und führt einen Bergbauernhof auf 1.400 Höhenmetern. Ich besuche ihn, weil er die Kunst des Schrägzaun-Bauens beherrscht. Darüber möchte ich mehr erfahren.

Angekommen

Als ich endlich aus dem Auto steige, staune ich über die Aussicht. Aus dieser Perspektive habe ich das Tal noch nie gesehen. Der Blick ist weit, die Berge sind nah. Die Autobahn ganz unten teilt das Tal in zwei Hälften. Der Bauernhof klebt am Hang. Ich kann mir vorstellen, wie hart das Leben hier noch vor wenigen Jahrzehnten war. Ohne Straße, ohne Auto, ohne Schneeräumung. Die Menschen waren im Winter monatelang abgeschnitten und auf sich allein gestellt. Sie lebten von dem, was sie im Sommer auf den steilen Flächen anbauen konnten.

Wenn eine Dürre oder ein Unwetter das Getreide vernichtete, kam der Hunger spätestens im Winter, wenn die kargen Vorräte aufgebraucht waren und der Boden gefroren war. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, wenn man die Kinder hungrig ins kalte Bett schickt. Und das möchte ich auch gar nicht. Denn jetzt, wo ich hier bin, strahlt die Sonne.

Ein guter Platz

Der Himmel ist blau, die Straße asphaltiert und der nächste Supermarkt in 15 Minuten mit dem Auto erreichbar — genauso wie die medizinische Versorgung für den Notfall. Unter diesen Voraussetzungen lässt es sich hier aushalten. Ich spüre: Das ist ein guter Platz. Zum Leben und auch für die Landwirtschaft. Den Bauernhof führen Paul und seine Frau nach biologischen Richtlinien. Das Haupteinkommen stammt von der Milch. Gabi ist berühmt für ihr sagenhaft gutes Joghurt. Für den Eigenbedarf gibt es noch Puten, Masthühner und Erdäpfel.

Ein vielbeschäftigter Mann

So einen Hof zu führen, erfordert viel persönlichen Einsatz. Paul ist ständig unterwegs. Es war nicht einfach, ihn am Telefon zu erreichen. Er hat mir dann zugesagt, dass er mit mir gleich nach dem Tierarztbesuch sprechen kann. Nun stehe ich also vor seinem Hof und schaue mich um. Da kommen Paul und der Tierarzt aus dem Stall. Ein kurzes Auf-Wiedersehen und Paul ist bei mir. Er führt mich herum und zeigt mir den Hof.

Alles ist bestens in Schuss, man sieht: Hier wird ständig an etwas gewerkelt. Das Haus, der Garten, der Stall, die Tenne, die Weiden, die Zäune. Die Instandhaltung des alten Hofs macht viel Arbeit. Sofort ist klar: Paul und Gabi sind nicht nur Vollererwerbs-, sondern auch Vollblutbauern.

Der klassische Schrägzaun

Nach dem Rundgang setzen wir uns in die Stube. Während ich mich an den atemberaubenden Ausblick gewöhne, bereitet Paul in der Küche einen von Gabis Kräutertees zu. Damit kommt er in die Stube und beginnt, vom Zaunbauen zu erzählen: „Bei uns bauen wir den klassischen Wipptaler Schrägzaun. Woanders sieht man eher einen Flecht- oder Ringzaun“. Er erklärt mir, wie das Zaun-Bauen geht. Bis man so einen Schrägzaun bauen kann, sind viele Vorbereitungsarbeiten notwendig. Das Zaunholz wird aus einem Stamm herausgespalten. Vorher muss man das richtige Holz dafür finden und eine eigene Technik zum Spalten erlernen.

Generationenübergreifendes Lernen

Paul ist gelernter Tischler: „Ich habe einen positiven Zugang zur Holzverwertung“. Das Zaun-Bauen ist ein lebenslanges Lernen, erklärt Paul. „Die Schrägzaun-Technik musst du dir von dem Vater oder Großvater abschauen. Das steht in keinem Buch, das ist ein generationenübergreifendes Lernen“.

Ich erfahre, dass „lärchene Zaunstecken“ in den Boden geschlagen werden. Sie tragen die Konstruktion. Das Lärchenholz ist weniger empfindlich für die Feuchtigkeit des Bodens. Für die Querverbindungen und zum „Aussteifen“ verwendet man „Spilten aus Fichtenholz“ (auch: „Spelten“), die nach einer bestimmten Technik ineinander verklemmt werden, sodass am Ende das typische Erscheinungsbild entsteht. Es gibt keine Schnüre, Schrauben oder andere Hilfsmittel.

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An diesem Schrägzaun haben schon viele Generationen gearbeitet. Bei den Erhaltungsarbeiten verwendet Paul das alte Holz, das noch gut ist, weiter. Alles wird in Handarbeit gemacht und jeder einzelne Stecken ist wertvoll. Das “faulige” Holz wird ausgetauscht

Die Lärche muss kliaben

Bei der Holzernte muss man auf bestimmte Merkmale des Baums schauen, weil „nicht jeder kliabt“, sprich: sich gut spalten lässt. Der Baum soll eher in einem Graben stehen und gerade gewachsen sein. Paul: „Er soll der Zellwand nach kliaben. Wenn es zu fest dreht, hast du immer Fransen und es geht nicht auseinander“. Ich verstehe nicht alle fachlichen Details, bekomme aber eine ungefähre Vorstellung. Ich denke, dass das eine schöne und befriedigende Arbeit ist, wenn es gelingt, dass sich das Holz der Faser entlang spalten lässt.

Ein besonderer Baum

Zwischen den Zeilen höre ich Pauls Begeisterung für die Lärche, die charakteristisch fürs Wipptal ist. Die Lärche hat besondere Eigenschaften und ein gut haltbares, harzhaltiges Holz, das auch für Dachschindeln verwendet wird. Paul weiß von den europaweit größten geschlossenen Lärchengruppen im nahegelegenen Landschaftsschutzgebiet.

Uralte Technik des Schrägzaun-Bauens

Für den Schrägzaun werden Lärche und Fichte verwendet. Paul: „Die Technik ist uralt, heute macht man es gleich wie vor Jahrhunderten. Tatsache war: unsere Vorfahren haben nichts gehabt und wussten sich zu helfen“, so Paul. „Es hat nichts gegeben, weder einen Draht noch sonst etwas. Sie mussten mit dem, was vor Ort war, zurechtkommen“.

Heute stehen ganz andere Möglichkeiten der Holzernte und -verarbeitung zur Verfügung. Paul verwendet zwar auch Holzspalter und Hydraulikpresse. Seine wichtigsten Werkzeuge sind jedoch Eisen- und Holzkeil. Außerdem verwendet er eine Hacke und verschiedene Holzschlegel aus Birkenholz. Damit baut er nicht nur neue Zäune, sondern kümmert sich auch um die Erhaltung von alten.

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Der Schrägzaun besteht aus vor dem Ort vorhandenem Baumaterial und fügt sich nahtlos in die Landschaft ein

Ein bisschen Ästhetik

Mit dem Bauernhof hat Paul auch viele Meter Zaun geerbt. Ihm ist es wichtig, dass diese Zäune stehen bleiben. Es gibt ständig Stellen zum Ausbessern: „Man muss dranbleiben. Besser ist es, den Zaun instand zu halten, als ihn verfaulen zu lassen und neu aufzustellen“. Das alles ist viel Arbeit. Aber eine Arbeit, die Paul gern erledigt: „Meine Motivation ist, dass ich da etwas mache, was nicht jeder kann und nicht jeder hat. Für mich ist auch ein bisschen Ästhetik dabei. Wenn ich so einen Zaun sehe, dann denke ich: Das ist ein Hit“.

Paul ist einer von einer Handvoll Männern im Wipptal, die sich aktiv um die Erhaltung der Zäune kümmern: „Im ganzen Tal haben wir in den letzten 30, 40 Jahren unendlich viel Schrägzaun verloren. In dem Moment, wo die Leute nicht mehr zu 100 Prozent von der Landwirtschaft leben, haben sie nicht mehr die Zeit, sich um das auch noch zu kümmern. Die Leute haben es verlernt, weil die Zeit fehlt“.

30 Jahre lang Zaun-Bauen

Auch fürs Zaun-Bauen gilt: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Paul erinnert sich an seine Anfänge: „Bis du es endlich kannst, das ist die schwierigste Zeit. Da kann ich mir schon vorstellen, dass einer aufgibt und einfach einen Drahtzaun aufstellt“. Doch das Können kommt auch beim Zaun-Bauen mit der Erfahrung. Paul hat Inzwischen 30 Jahre Praxis: „Jetzt ist das Zaun-Bauen eine richtig schöne Arbeit“. Er ist nicht der einzige, der sich um die Erhaltung der alten Zäune sorgt: „Die, die derzeit noch aktiv sind, geben es sicher nicht mehr auf“.

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Kein Draht und kein Nagel: der Schrägzaun hält durch die spezielle Technik, die Stecken und Spelten ineinander zu verkeilen

Die harten Zeiten sind vorbei

Früher war dieses Know-how nichts Besonderes: „Wir hatten einen Knecht, der konnte bis zum 87. Lebensjahr auch noch einen Zaun bauen“. Dieser Knecht und Pauls Vater hätten die Mondphasen im Blick gehabt und das Holz je nach Erfordernis zu bestimmten Zeiten geschlagen. „Mein Vater und mein Knecht haben Sachen gewusst, die sind unglaublich. Aber wir Jungen waren zu dumm, die Sachen abzufragen. Der Altersunterschied war zu groß. Wir dachten: Der mit seinem alten Blödsinn“. Heute hat Paul großen Respekt vor dem alten Wissen: „Die Leute damals lebten in einer ganz anderen Zeit. Sie sind noch in der Hungersnot aufgewachsen. Sie haben aus nichts etwas gemacht“.

Das alte Wissen schätzen

In den 60er und 70er Jahren haben sich die Lebensumstände dann auch am letzten Bergbauernhof geändert und die Menschen wollten nichts mehr von der alten, harten Zeit wissen. Paul dachte einmal selbst so, heute sieht er das anders: „Der Wohlstand hat alles verdrängt. Das ganze alte Wissen ist in so kurzer Zeit verloren gegangen“. Mit seiner Arbeit sorgt er dafür, dass ein kleiner Teil dieses alten Wissens erhalten bleibt.

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