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Vom Weben leben: eine Frau macht ihr Hobby zum Beruf

Regina Knoflach lebt den Traum vieler Menschen: Die Textilkünstlerin verdient ihren Lebensunterhalt mit dem, was sie gerne tut, dem Weben. Mit Anfang 40 hat sie ihren Job gekündigt und ihr Hobby zum Beruf gemacht. In einer Weberei in Igls bei Innsbruck setzt sie ein großes Erbe fort.

Igls ist ein spezieller Ort. Schon der Ortsname stolpert mir mit seinen drei aufeinander folgenden Konsonanten umständlich aus dem Mund. Igls sieht aus wie ein Dorf, zählt aber zu Tirols Landeshauptstadt. Der Ort ist damit irgendwie in einer Sonderrolle und hat sogar einen eigenen Stadtteilausschuss. Er zählt klar zum Speckgürtel von Innsbruck. Neben Einfamilienhäusern und Wohnanlagen gibt es ein paar große ältere Hotels, einen Skiverleih und einen kleinen Supermarkt. Früher war der Dreh- und Angelpunkt des Ortes die Talstation der Patscherkofelbahn. Generationen von Innsbruckerinnen haben hier Skifahren gelernt und unzählige Touristen ihren Winterurlaub verbracht. Über viele Jahrzehnte kam man durch das Dorf zum Skilift, genauer gesagt von 1928 bis 2017. Dann wurde die Talstation verlegt. Jetzt geht es hier sogar zur Hochsaison eher beschaulich zu. Die Hauptstraße versprüht den Charme des Glanzes vergangener Zeiten.

Die Weberei

Diese Eindrücke und Gedanken beschäftigen mich auf dem Weg nach Igls zu Regina Knoflach. Mein Besuch bei ihr ist der Grund dafür, warum ich seit langem wieder den altbekannten Weg fahre. Es kommt mir vor wie eine Zeitreise. Die Weberin hat in unmittelbarer Nähe der alten Talstation ihre Werkstätte und einen Verkaufsraum. Ich frage mich, was eine Kreative und Geschäftsfrau dazu bringt, ihre Zelte ausgerechnet an diesem Ort aufzuschlagen. Es wird mir bald klar werden.

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Feines Tuch: Regina webt Schale und Textilien für den Tisch, die Küche, das Bad und zum Wohnen

Handgewebte Tisch- und Bettwäsche

„Beim Weben geht es nicht nur um das Endprodukt, sondern auch um das Tun“, sagt Regina, als sie mich in ihrer Werkstätte herumführt. Dort stellt sie Gebrauchstextilien für Küche, Bad und Sauna her. Im Shop gibt es handgewebte Schale, Handtücher, Tischsets und Taschen. Sie fertigt auch Auftragswerke an, wie Vorhänge für Privathaushalte und öffentliche Gebäude. Die Ausgangsmaterialien sind Naturstoffe: Baumwolle, Leinen, Kaschmir, Merino und Seide.

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Zwei Tischsets von Regina. Ihre handgewebten Produkte gibt es nicht nur in der Werkstätte in Igls, sondern auch online bei www.regina-textiles.at. Hier findet sich auch ein direkter Kontakt für Spezialwünsche und Auftragswerke

Weben lernen, erleben und lehren

Regina ist nicht nur Weberin, sie lehrt es auch. Zum Beispiel in der Winterschule Ulten. Außerdem kann man bei ihr in der Werkstätte das Weben einfach einmal ausprobieren. Oder überhaupt einen Webstuhl für eigene Werkstücke inklusive Betreuung quasi mieten. Regina nennt das „Weben erleben“. Ihre Motivation dafür: „Ich will das Wissen weitergeben, sonst ist es relativ schnell weg“. Deshalb bin auch ich selbst heute hier. Ich möchte wenigstens einen Eindruck von ihrem Handwerk mit nach Hause nehmen.

Die Arbeitsschritte beim Weben

Regina erklärt mir die einzelnen Arbeitsschritte beim Weben: Zuerst wird das Gewebebild geplant. Der erste Arbeitsschritt am Webstuhl ist das Schären der Kette. Dabei werden alle Kettfäden auf dieselbe Länge gebracht. Die Anzahl der Fäden auf Reginas Webstuhl ist beeindruckend und verwirrt mich. Erst wenn der Webstuhl eingerichtet ist, kann Regina mit dem eigentlichen Weben mit dem Schussfaden beginnen. Das Muster wird durch die Trittfolge bestimmt, je nachdem ob an der Oberfläche der Schuss oder die Kette ist. Ich sehe schon: Fürs professionelle Weben braucht es viel Know-how. Dahinter stecken nicht nur Routine und handwerkliches Geschick, sondern auch Rechenarbeit, Geduld und die Koordination von mehreren Abläufen. Regina sagt: „Das sorgfältige Arbeiten möglichst ohne Fehler, das ist das eigentliche Handwerk“. Sie hat große Ehrfurcht vor jenen Zeiten, als noch jedes Stück Stoff von Hand gewebt wurde: „Man versteht, wie aufwendig das für die Menschen früher war und was damals so ein Stoff wert war“.

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Die Anzahl der Kettfäden am Webstuhl ist beeindruckend.

Weben: vom Hobby zum Beruf

Regina hat in der Schweiz eine Grundausbildung gemacht und den Rest autodidaktisch erlernt. Auf die Frage, wie sie selbst aufs Weben gekommen ist, meint sie: „Das hat sich so entwickelt. Ich kannte eine alte Dame, die hat gewebt und gesponnen. Da war ich schon als Kind total fasziniert“. Ursprünglich arbeitete Regina als Waldorfkindergärtnerin und Assistentin für Menschen mit Behinderung. Parallel war sie schon immer handwerklich tätig. Zunächst lag ihr Schwerpunkt auf dem Filzen, dann begann sie die Ausbildung zur Weberin. Schritt für Schritt entwickelte sich das vom Hobby zum Beruf. Sie kaufte einen gebrauchten Webstuhl und stellte ihn in das Haus, in dem sie damals lebte. Sie nahm an Ausstellungen teil und sah, dass ihre Produkte gefragt waren.

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Die Tasche ist ein Unikat, ebenso der Teppich im Hintergrund in der Werkstätte

Das Erbe der alten Weberin

Irgendwann kam dann die Entscheidung, ganz vom Weben zu leben und dafür auch eine Werkstätte zu suchen. Die Räumlichkeiten in Igls boten sich dabei irgendwie an. Hier war nämlich schon früher eine Weberei gewesen. Jetzt stand das Lokal leer. Regina: „Mit meiner Weberei hierher zu kommen, das war einfach stimmig für mich“. Die ehemalige Inhaberin, Marianne Pittl, ist erst vor wenigen Jahren hochbetagt gestorben. Sie hatte über mehrere Jahrzehnte genau hier in diesen Räumlichkeiten ihre eigene Weberei betrieben. Regina erzählt: „Das war eine richtige Selfmade-Frau. Sie war unverheiratet, ihr Verlobter war im Krieg gefallen. Sie hat Stoffe gewebt und daraus Kleidung genäht“. Pittl hatte damit nach dem zweiten Weltkrieg ein erfolgreiches Geschäft aufgebaut und lebte auch vom blühenden Tourismus. Regina: „Zu ihr sind die Gäste aus dem Sporthotel gekommen. Ihr Spezialservice war ein maßgeschneidertes Kostüm aus handgewebten Stoffen innerhalb von 24 Stunden“.

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Farbenfrohes Ausgangsmaterial zum Weben. Links: Webschiffchen, rechts ein Kamm

Eine geschichtsträchtige Werkstätte

Die Handweberei in Igls ist ein geschichtsträchtiger Ort. Regina wollte die Weberei auf ihre eigene Weise weiterführen und hat die Räumlichkeiten 2016 übernommen. Damals war ihr gar nicht klar, ob sich das auch rechnen würde. Solche Überlegungen standen für Regina auch gar nicht im Vordergrund: „So etwas musst du ganz oder gar nicht machen. Wenn du deine ganze Energie und Kraft hineinsteckst, dann wird es aufgehen“. Und das hat in Reginas Fall auch funktioniert. Am Anfang gab es zwar die eine oder andere Durststrecke. Doch inzwischen hat sich Regina mit ihrer Weberei etabliert und kann davon leben.

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Bei Schlechtwetter einfach zuziehen: Diese handgewebten Vorhänge bringen Farbe ins Leben und in den Wohnraum

Die Haptik des Handgewebten

Für Regina ist es nach wie vor „faszinierend, dass man einen Stoff selbst herstellen kann“. Es gibt ihr ein Gefühl der Selbstermächtigung: „Es bringt mich auf den Boden“. Natürlich verwendet sie ihre Textilien auch selbst: „Das Handgewebte hat eine ganz besondere Haptik. Du hast eine Freude, wenn du dir damit die Hände abtrocknest“. Für Regina ist es wichtig, dass ihre Produkte nicht nur schön sind, sondern auch praktisch: „Du kannst dieses Handtuch ordentlich waschen. Es ist nicht nur ein Deko-Gegenstand. Es ist echt“.

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Zwei, die sich gefunden haben: Die “Original Tiroler Handweberei” in Igls und ihre neue Weberin Regina Knoflach. Gehört seit Jahrzehnten zum Igler Dorfbild: das Sgraffito “Eine Weberin” von Helmut Millonig

Souvenir aus Igls

Als ich mich wieder auf den Weg nach Hause mache, ist es schon spät und ich bin voller Eindrücke. Bevor ich endgültig aufbreche, sehe ich mich noch einmal im Dorf um. Vor meinem geistigen Auge taucht der Igler Dorfkern der 1960er Jahre auf: Einheimische und Touristinnen flanieren nach einem ereignisreichen Skitag herum und führen ihr neues Kostüm zum Abendessen aus, das sie sich von Marianne Pittl haben weben und schneidern lassen. Mit diesem Bild im Kopf fahre ich los und freue mich schon auf etwas, das ich gleich daheim machen werde: Ich werde mir die Hände waschen und in einem handgewebten Tuch abtrocknen, das ich gerade bei Regina Knoflach gekauft habe.

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