Schafwolle
Wolle,  Landwirtschaft,  Spinnen

Schafwolle: 50 Arbeitsstunden, 14 Euro und ein Almsommer

Schafschur nach dem Almabtrieb: eine Stubaierin entdeckt mit eigener Schafwolle die alte Kunst des Spinnens neu.

„Früher war der Diebstahl von Schafwolle gar keine Seltenheit. Du hast die Tiere am Abend nach dem Almabtrieb in den Stall gestellt und in der Früh, wenn du sie scheren wolltest, war das bereits erledigt und die ganze Wolle weg“, erzählt die Stubaier Schafhalterin Andrea von längst vergangenen Zeiten. Damals war Schafwolle noch so wertvoll, dass sie über Nacht direkt vom Schaf gestohlen wurde.

So ein Woll-Diebstahl passiert heute niemandem mehr. Schafe werden wegen dem Fleisch gehalten, und natürlich aus Freude an den Tieren und der Zucht. Während die Schafwolle für frühere Generationen ein wichtiger Rohstoff für Kleidung war, gilt sie heute vielfach als Abfallprodukt.

Wertvoller Rohstoff Schafwolle

Dass Schafwolle jedoch noch immer ein vielseitig verwendbarer Rohstoff ist, darauf kommen jetzt wieder einige Menschen, die mit Schafen und damit auch zwangsläufig deren Wolle zu tun haben. So entstand in den letzten Jahren wieder ein Bewusstsein für den Wert dieses Naturprodukts und es findet Verwendung: zum Beispiel als Gemüsedünger in Form von gepressten Pellets, als Bestandteil von Bettdecken, Matratzen und traditionellen Teppichen oder als Dämmstoff am Bau.

Auch einige Sportbekleidungsfirmen entdeckten jene Eigenschaften der tierischen Faser wieder, die bereits unsere Vorfahren nutzten und integrieren sie in moderne Funktionskleidung. Denn Wolle ist wärmend und wasserabweisend  – das ist nicht nur bei der Kleidung für Menschen erwünscht, sondern erfüllt denselben Zweck bereits am Tier. Je nach Verwendung eignet sich die Wolle unterschiedlicher Rassen. Kenner sehen sogar Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen.

Jedes Schaf ist anders

Einer, der sich mit Schafen besonders gut auskennt und diese Feinheiten sofort sieht, ist Peter aus Neustift: „Für Loden brauchst du gröbere Schafwolle mit langen Haaren. Zum Stricken eignet sich feine langhaarige besser“, weiß er. Seine Tiere kommen gerade von der Alm. Wie jedes Jahr hat er sich als Hirte um seine Tiere und die der Familie von Andrea gekümmert.

Jetzt werden die Schafe geschoren. „Wir hatten immer ein paar Schafe, sagt Peter. Seinen Hof in Neustift führt er in der dritten Generation im Nebenerwerb. Während der Schur erzählt er von der Schafwolle. Er zeigt, welches Schaf eine schöne Wolle hat und welches nicht. Er weiß auch, warum bei der züchterischen Auslese besonders auf weiße Schafe geschaut wurde: „Die weiße Wolle kannst du färben“. Erlös erzielt Peter mit der Schafwolle keinen, sondern nur mit dem Fleisch.

Schafe scheren Schafschur Schur
Peter kennt jedes einzelne Tier und weiß um die Besonderheiten seiner Wolle

Nichts wegwerfen!

Die Schafwolle schenkt er Andrea. Dort erfährt der natürliche Rohstoff die angemessene Wertschätzung. Denn sie ist eine der wenigen Personen, die noch die eigene Schafwolle verspinnen. Mit ihrem Mann hält sie seit 20 Jahren Schafe: „Ein paar Schafe haben eine dermaßen schöne Wolle. Es hat mich gereut, die Wolle wegzuschmeißen. Das ist ein so wertvolles Naturprodukt, da wollte ich etwas daraus machen.“

So ist Andrea zum Spinnen gekommen. Mit viel Geduld hat sie sich diese Fertigkeit wieder angeeignet und dabei im wahrsten Sinn des Wortes den Geduldsfaden nicht verloren. Sie hat durch viele Versuche herausgefunden, wie man die Wolle wäscht, bevor sie kardiert wird und ein traditionelles Spinnrad von einem Stubaier Drechsler aufgetrieben.

Schafwolle
Andrea verspinnt die Wolle ihrer eigenen Schafe

Winterwolle, Sommerwolle

Nun verspinnt sie die Schafwolle jeden Winter zu Garn. Die Wolle, die direkt nach dem Almabtrieb gewonnen wird, ist laut Andrea die schönste: „Nach dem Almsommer ist die Wolle sauber und vom Regen rein gewaschen. Die eignet sich zum Spinnen am besten“. Die „weniger schöne“ Wolle von der Schur nach dem Winter im Stall wird als Dünger im Gemüsebeet und für Tomaten verwendet. Mit der handversponnenen und -verzwirnten Wolle werden Familienmitglieder mit Socken oder Kappen bestrickt.

Kostbare Wollknäuel

Am Bauernmarkt verkauft Andrea neben Schnaps und Marmelade ein paar wenige Knäuel für 14 Euro das Stück. Im Handel gibt es synthetische Sockenwolle für weniger als zwei Euro. Hin und wieder ist es jemandem das Geld wert und er kauft am Markt einen Knäuel von Andrea. Damit hat er aber nicht einfach einen Knäuel Wolle erstanden. Sondern ein wertvolles Naturprodukt, in dem neben unzähligen Stunden Arbeit auch eine gehörige Portion Know-how, Leidenschaft und nicht zuletzt ein ganzer Almsommer stecken.

Unbezahlbar: nach etlichen Arbeitsschritten ist die Wolle bereit zum Verstricken

Fotos: Birgit Pichler

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